Die Gründung
Die Vorgeschichte dieses Vereins begann eigentlich schon im Jahr 1964. Es war das Jahr, in dem der Turnverein Lichtenau sein 100jähriges Bestehen feierte. Zu diesem Anlass sollte ein großes Heimatfest stattfinden, von dem man auch die auswärtigen Lichtenauer unterrichten wollte. Also gründete man einen Heimatausschuss. Mit Obmann Georg Lauppe Turnvereinsvorstand Karl Schilling, und Schriftführer Paul Timeus erarbeitete man, mit mehreren Helfern, ein dreiseitiges Blatt, das zum Weihnachtsfest 1964 an alle „Liebe Lichtenauer von nah und fern“ – so das Vorwort - Grüße und Nachrichten aus der Heimat schickte.
Durch das überwältigende Echo auf diesen wohl ersten Flyer der
Lichtenauer Vereinsgeschichte entschloss man sich zur Weiterarbeit und erstellte
jedes Mal zum Jahresende unter der Leitung von Karl Schilling einen
„Heimatgruß“.
Nach dessen Tod wurde Ernst Decker zum Obmann und Fritz Stengel zum Vertreter des
Heimatausschusses gewählt.
Weitere Mitarbeiter konnten gewonnen werden und mit der Zahl der Mitglieder
vergrößerte sich auch der Aufgabenbereich. Man begann sich für
die Vergangenheit der näheren Heimat zu interessieren. Zeugnisse des Lebens
unserer Vorfahren, seien es Geschichten, Arbeiten oder Gegenstände des
täglichen Lebens wurden zusammen getragen und aufbewahrt. Bald stellte sich
die Frage: „Wohin damit?“ und auch „Wie können wir diese
Dinge einem interessierten Publikum zugänglich machen?“ Der Gedanke an
ein Haus, das man zum Museum umgestalten und einrichten konnte, kam auf.
Doch dazu musste erst einmal ein Verein gegründet werden. 1986 war es so
weit: Der Heimatverein wurde aus der Taufe gehoben. Mit Ernst Decker als erstem
und Helmut Diebl als zweitem Vorsitzenden und Edeltraud Link als
Schriftführerin. Als Fachbereiche legte man sich auf den
„Heimatgruß“ – unter der Federführung von Kuno
Ruschmann und „Heimatgeschichtliche Sammlung“ mit dem Ressortleiter
Fritz Stengel und Edeltraud Link als Leiterin der Gruppe Volkstanz fest.
Einen Namen gab man dem neuen Verein auch: „Medicus“. Das war ein
großherzoglich badischer Obrist, der seinen langen Lebensabend als
Sagensammler und Dichter in Lichtenau verbracht hat und hier auch im Jahr 1828
verstorben ist. Sein Grab findet man noch heute neben dem Friedhofseingang;
liebevoll gepflegt von Mitgliedern des Heimatvereins
Mit einer viel beachteten Ausstellung unter dem Motto „Großmutters
Handarbeiten“ stellte Erika Stengel noch im ersten Jahr einen
Arbeitsbereich des jungen Vereins vor.
Inzwischen ist „viel Wasser den Rhein runter geflossen“, wie ein
Lichtenauer Sprichwort sagt. Übrigens: auch alte Sprichwörter und
Ausdrücke sammelt der Verein. Die kleine emsige Gruppe um Ernst Decker und
Fritz Stengel hat sich zu einem respektablen Verein mit über 300 Mitgliedern
und vielen Aufgabenbereichen gemausert.
Seit 1994 ist der Verein stolzer Besitzer eines Museums, des Hans-Michls-Hus in
der Hauptstraße. Recht desolat sah es beim Kauf aus. Unzählige Stunden
Arbeit hat das Bauteam des Vereins geleistet, bis das Haus zu einem
Schmuckstück wurde mit seinen weiß leuchtenden Gefachen, dem dunklen
Gebälk und den roten Geranien im Sommer vor den Fenstern.
Nach dem Willen der Vereinsleitung sollte es kein „totes“ Museum
werden. Und wer schon einmal ein „Grumbeerefescht“ besucht hat, eines
von denen, die jeden dritten Sonntag im September stattfinden, der weiß,
dass hier das Leben pulsiert. Es beginnt mit einem Festgottesdienst unter dem
großen Nussbaum im Hof. Selten, dass man als Nachzügler noch ein
Plätzchen findet. Zum Frühschoppen sorgt die Trachtenkapelle in ihren
farbenfrohen Hanauer Trachten mit schwungvollen Melodien für Stimmung. Dann
gibt es alte und neue Gerichte rund um die Kartoffel, die in Lichtenau
„Grumbeer“ heißt, von „Bibbeles Käs mit
g’schwellte Grumbeere“, Grumbeeresupp un Wurscht“ oder
„Grumbeeresalat mit Wirschtle“ und vieles mehr. Frisch gepresster
Most ist zu haben und die Kaffeestube im Stall lässt auch keine Wünsche
offen. Romantische Kutschfahrten und Führungen durch Haus, Schopf und bald
auch den neuen Bauerngarten gehören zum Programm. Und weil dieses Fest
so gut angenommen wurde, hat die Stadt Lichtenau gleich ihren Michaelimarkt von
vor 200 Jahren zu diesem Termin wieder aufleben lassen. So lohnt sich auch
für viele aus der weiteren Umgebung Lichtenaus ein Besuch im Städtel
doppelt.
Kulturelle Angebote auf dem Heustall sind immer besondere Leckerbissen: Da gab
die Lichtenberger Schauspielgruppe den „Gitzhals“ von Moliere, eine
Dichterlesung mit Baden-Badener Schauspielern führte durch dreitausend Jahre
erotischer Literatur oder der legendäre Baldur Seifert gab eine Kostprobe
seiner Lebensweisheit. Die Bücherflohmärkte des Heimatvereins sind auf
den Märkten der Stadt im Mai, an Michaeli und an Weihnachten ein Magnet
für die Besucher, die unter vielen tausend günstigen Büchern
wählen können.
Dass im Hans-Michls-Hus im Wintersemester nach alter Tradition Strohschuhe
hergestellt werden oder in der Weihnachtszeit das Kerzenziehen gelehrt wird,
gehört zum selbst gestellten Aufgabenbereich. Schulklassen,
Kindergärten und Seniorenvereine aus der Stadt so wie der weiteren Umgebung
sind regelmäßig zu Gast.
Und was den Heimatgruß angeht, der hat dieses Jahr über hundert Seiten
und geht noch immer in alle Welt. Und jedes Jahr freuen sich die Einheimischen
wie die Exil-Lichtenauer in Amerika oder Australien oder sonst wo in der Welt
über die Grüße und Nachrichten aus der Heimat.
Nach dem großen Jubiläum „700 Jahre Stadt Lichtenau“ im
Jahre 2000, gab es im Jahre 2001 einen Wechsel in der Vorstandschaft. Nach 15
Jahren übernahmen Edeltraud Link und Heiz Wollensack die Leitung des
Vereins, der sich seit seiner Gründung bis heute stetig weiterentwickelt
hat.
Elke Liedtke