Mundart des Heimatverein Medicus
Kau(t)ziges vun sellemols
Rechtzeitig zum Weihnachtsfest wurde sie fertig gestellt, die CD mit dem ganz besonderen Rückblick: „Kau(t)ziges vun sellemols“ heißt sie und erzählt aus dem Blickwinkel eines Kindes von einer Zeit, als das Leben noch voller Wunder war, die Winter geheimnisvoll und voller Schnee und Eis und die heißen Sommer angefüllt mit abenteuerlichen Spielen.
Eva Kautz, Jahrgang 1926 ist in Lichtenau als Spross einer alteingesessenen Familie aufgewachsen. Intensiv hat sie das Leben in der kleinen Stadtgemeinschaft am nördlichen Rand des Hanauerlandes erlebt, eingebunden in den Schutz der Familie und wohlwollend begleitet von einer großen Verwandtschaft und vielen Freunden. Da ging es zum Spielen noch raus aufs Feld, die Abenteuer waren vielfältig, wenn auch nicht immer von den Erwachsenen abgesegnet, so dass sie ihr Sprüchlein auf die unumgängliche Frage der Mutter: „Was hast du wieder angestellt“? immer bereit hatte: „Nix, awwer ich mach’s nimm“! Da kletterte sie mit ihren Spielkameraden in dem verbotenen Nachbarsgarten auf den höchsten Baum und sie fühlten, dass ihnen die Welt gehörte. Da zogen sie zum Baden an die Acher und nahmen nach wilden Wasserschlachten auch die sonntägliche Abmahnung des Herrn Pfarrer in Kauf.
Obwohl sie sehr an der Heimat hing, musste sie schon in jungen Jahren fort. Nach der Schule kam Eva Kautz mit anderen gleichaltrigen Mädchen aus dem badischen Raum zum Landjahr in den Warthegau, ins heutige Polen. Hier entwickelte sich eine im wahrsten Wortsinn lebenslange Freundschaft. Daran folgten Arbeitsdienst und Kriegshilfsdienst in Bayern.
Wenn Eva Kautz wieder in die Heimat zurückkam, die letzte Strecke von Bühl mit dem Entenköpfer nach Lichtenau zurücklegte und die Frage des Schaffner hörte:
„Au widder dehaim“? war sie jedes Mal glücklich.
1951 ging sie in die Schweiz und lernte und arbeitete im Hotelgewerbe. Vom Stubenmädchen bis zur Empfangsdame brachte sie es. Um die Sprache zu lernen ging sie für ein Jahr nach England. Und immer war das Heimweh ihr ständiger Begleiter. Oft kam sie zu Besuch nach Hause. Vor allem an Fastnacht fehlte sie nicht. Wie schon in der Kindheit war diese Zeit für sie wichtig: „Luschtig isch die Fasenacht“, das belegt sie mit gleich mehreren „G’schichtle“. Aber sie kennt auch die heutige Zeit und zieht mit viel spitzbübiger Freude ihre Vergleiche: „Jetz sin mir die Alde..“
Als sie in den 60er Jahren in einem Jahrzehnt mehrere Familienangehörige und auch ihre jüngere Schwester Ursula verliert, kommt sie wieder ins badische Ländle. Ihre Stationen sind Kehl und Diersheim. Liebevoll nimmt sie sich der drei Kinder ihrer verunglückten Schwester an.
Als sie endlich wieder ganz nach Lichtenau zurückkommt, gibt es das geliebte Elternhaus für sie nicht mehr. Aber in Blicknähe findet sie eine Wohnung. Hier hat sie nun Zeit, ihre gehüteten Erinnerungen, den Schatz ihrer Kindheit, niederzuschreiben. Dass diese nicht in Hochdeutsch abgefasst sind, versteht sich von selbst. Zuerst ist es nur eine Aufarbeitung ihres Lebens, grad so für sich selbst, damit sie nicht letztendlich doch in Vergessenheit geraten. Als sie dann mal in der Seniorengemeinschaft, mal bei anderen Gelegenheiten die eine oder die andere Geschichte vorliest, wird schnell klar, dass sie damit bei vielen ins Schwarze trifft. Man erinnert sich, man glaubt dabei gewesen zu sein. Und weil sie immer mit einem schelmischen Rückblick, mit einem versöhnlichen Verstehen für ihre Mitmenschen schreibt, weil sie auch im Kleinsten eine große Freude sehen kann, folgt man ihr gern. Man möchte sich mit ihr freuen, an der Gabe, im Alltag das Besondere zu erkennen, in dem Staunen über Land und Leute das große Geschenk des Lebens zu sehen.
„Sellemols im Freijohr“, „ ´s Bähnl“ oder „Grumbeerezitt“ und „Zwische Winnachten un Neijohr“ heißen die Erinnerungen. Wenn sie allerdings „de Wunderfitz“ plagt, geht sie mit der Gießkanne zum Friedhof. Da gibt es genug Stoff für neue und alte G’schichtle.
Eine schöne Reise in die Vergangenheit kann man mit Eva Kautz auf dieser CD antreten. Gerd Birsner, musikalisches Allroundtalent, begleitet sie im Auftrag des Lichtenauer Heimatvereins Medicus auf dieser Reise mit passenden Liedern und Instrumentalstücken. Mit viel Engagement und spürbarer Begeisterung hat er so für ein „randvolles alemannisches Hörbuch“ gesorgt, an dem Sie nicht nur zur Weihnachtszeit Ihre Freude haben werden.
Elke Liedtke
Die CD Kau(t)ziges vun sellemols
Seit Jahren können Sie im Heimatgruß aus Lichtenau die originellen und humorvollen Geschichten von Eva Kautz lesen. Da wir aber hier mit den Buchstaben der Hochsprache Laute vermitteln müssen, für die es leider keine definierte Schreibweise gibt, ist dies immer eine Gratwanderung. Auf viele Leser wirkt das Schriftbild oft wie eine Fremdsprache.
Diese CD, die wir zu Weihnachten 2005 anlässlich des 80. Geburtstages von Eva Kautz herausgebracht haben, ist ein alemannisches Hörbuch und ein weiterer Beitrag zur Bewahrung des Lichtenauer Dialektes, der Muttersprache oder wie immer wir es nennen wollen. Wir freuen uns sehr darüber, dass sich Eva Kautz mit uns darauf eingelassen hat und wir bedanken uns herzlich dafür. Ein großes Dankeschön geht außerdem an Elke Liedtke, die das Projekt tatkräftig unterstützte. Wir bedanken uns auch bei Gerd Birsner, der mit seinem ganz besonderen Gespür für die liebenswerten Untertöne, mit seinem Sachverstand und technischem „know-how“ (man verzeihe mir den neudeutschen Ausdruck) dieses Klangerlebnis in Szene gesetzt hat. Die ausgewählten Musikstücke sind eine wunderbare Ergänzung zu den Geschichten und sehr sorgfältig darauf abgestimmt.
Als i-Tüpfelchen wurde uns vom Foto-Studio Gloge aus Lichtenau das perfekte Foto für die CD-Hülle zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank an Maria Röll mit ihrem Team.
Lassen Sie sich dieses Stück Heimat nicht entgehen. Und wann immer Sie ein Geschenk für Mundartfreunde brauchen sollten, können Sie diese CD für 15 Euro + Versandkosten beim Heimatverein Medicus erwerben.
Bestellungen bitte an die Adresse der Vorsitzenden,
FON: 07227 / 32 92 oder
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