Das Hans-Michel-Hus

Heimatgruß Redaktion Edeltraud Link

Aus der Geschichte des Hauses Hauptstraße 74 in Lichtenau

Das Lichtenauer Heimatmuseum, ein schmuckes, über 200 Jahre altes Fachwerk - Bauernhaus mit freistehendem Ökonomiegebäude, dass der Heimatverein Medicus Lichtenau gekauft und darin ein Heimatmuseum eingerichtet hat.
Es wurde von Mitarbeitern des Heimatvereins völlig restauriert und in Stand gesetzt. Das Ökonomiegebäude ist jüngeren Datums, etwa 1900 und ist auf Teilen des alten Ökonomiegebäudes aufgebaut. Eine der alten Wände ist von der Scheune aus zu sehen.

Neben bäuerlichen Gebrauchsgegenständen wie landwirtschaftliche Arbeitsmittel, Milchwirtschaft und Zugtiergeschirre im Ökonomiegebäude werden im Wohnhaus die hauswirtschaftlichen Utensilien gezeigt.

Ein Schwerpunktthema ist die Korbmacherei, sowohl im handwerklichen, wie auch im industriellen Bereich. Daneben sind auch alte Handwerke, die heute keine Bedeutung mehr haben zu sehen. Dazu gehören der Küfer, der Wagner und der Drechsler als Holzhandwerker. Der Schumacher und der Sattler als Lederverarbeiter.

Zur Einstimmung in die Geschichte des Hauses hier einige Ausschnitte aus der Rede unserer Pressereferentin Elke Liedtke, die sie zum 200 ten Geburtstag des
„Hans-Michel-Hus“, dem Lichtenauer Heimatmuseum, 1997 gehalten hat:

Unser Heimatmuseum „ Hans-Michel-Hus“ wurde 1797 erbaut. Es wurde also im Jahr 1997 - 200 Jahre alt. (Siehe Balkeninschrift an der Vorderseite des Wohnhauses.) In den Schriften des Archivs der evangelischen Kirchengemeinde Lichtenau findet sich nicht viel Erfreuliches aus dieser Zeit. Die vielen Kriege des 18. Jahrhunderts hatten auch das Städtchen am nördlichen Rand des Hanauerlandes arg mitgenommen.

Die Österreichischen Erbfolgekriege, der Siebenjährige Krieg, der erste Koalitionskrieg und nicht zuletzt die Auswirkungen eines unvernünftigen, absolutistischen Systems, das die Menschen bis zur Grenze ihrer Existenzmöglichkeiten ausnutzte, hatten auch den Bewohnern unseren näheren Heimat schwere Schäden und großes Leid zugefügt. Die Protokollbücher dieser Jahre verzeichnen zwar reichen Kindersegen, aber auch eine erschreckend hohe Zahl an Kindern, die gleich nach der Geburt oder im frühen Kindesalter starben. Wenn man sich einen Augenblick lang das Leid vergegenwärtigt, das hinter der trockenen Aussage: „Die Müttersterblichkeit war sehr groß“, steht, eröffnet sich eine ganz andere Ansicht, der so genannten „ guten, alten Zeit“ Nicht weniger eindringlich verdeutlicht die Not und die Armut des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der Vermerk, der hinter den persö nlichen Daten vieler überlebender junger Leute in der Kirchenchronik zu lesen ist: „Ausgewandert nach Amerika“. Es war keinesfalls Abenteuerlust, was sie in die Ferne trieb, sondern der Hunger und die Hoffnungslosigkeit, die in der Heimat ihr voraussehbares Schicksal gewesen wären.

So nun habe ich Ihnen ein recht trauriges, aber wahres Bild aufgezeigt und sie werden sich langsam fragen, ob ich nichts Erfreulicheres zu berichten habe. Doch! Ich möchte vielen, die in den Klagen über die heutigen schlechten Zeiten stecken, zeigen, daß es gerade bei uns schon Schlimmeres gab! Und nicht genug damit. Die Geschichte zeigt uns im Nachhinein auch einen Weg aus der Misere heraus. Da haben doch junge Männer es gewagt, in dieser Zeit sich eine Frau zu suchen mit dieser Frau eine Familie zu gründen und -!!- ein Haus zu bauen! Einer von ihnen war Johann Michael Stengel und in dem Haus, das er baute, stehen Sie jetzt. Seine Eltern waren der Bürger und Hechtenwirt Johann Jakob Stengel zu Helmlingen und dessen Frau Maria Salome , geborene Zimpfer. Er selbst wurde am 10. Februar 1770 geboren, seine Braut war die Margarete Knösel (Gneselin), zwei Jahre jünger als er selbst, und als das Haus in der Lichtenauer Hauptstraße fertig war, heirateten die beiden und zogen dort ein. Johann Michael hieß ihr ältester Sohn, ebenso wie sein Vater und sein Urgro ßvater, und zur Unterscheidung bekam er, wie damals üblich, eine Drei hinter seinen Namen; also J.M. Stengel III. Nach dem Tod seiner Mutter -1837- und seines Vaters -1842- ging das Anwesen auf ihn über. Am 16. Mai 1800 geboren , war er gerade mal 21 Jahre alt, als er heiratete. Anna Maria Ludwig hieß die Auserwählte, zwei Jahre älter als er war sie und Tochter eines Amtmannes in Lichtenau. Ob sie glücklich waren? Die Frage stellt man besser nicht. Tatsache ist, daß von Ihren acht Kindern drei Töchter nicht über das Kindesalter hinaus kamen. Drei erwachsene Söhne gingen nach Amerika und nur ein Sohn und eine Tochter verheirateten sich, zogen nach Scherzheim und blieben so in der näheren Umgebung. Ein Jahr nach der Geburt ihres letzten Sohnes ertrank Anna Maria 1836 im Rhein. Wie das geschehen konnte, darüber fand ich nirgends einen Hinweis. Zwei Jahre später, mit 38 Jahren, heiratete Johann Michael Stengel wieder, eine Dorothea Hänßel aus Helmlingen. Zu den noch lebenden Kindern aus erster Ehe kamen noch eine Tochter, die nur einen Tag alt wurde, ein Sohn, der mit 28 Jahren starb und schließlich 1842 Karl, der Erbe des „Hans-Michel-Hus“. Als sein Vater 1872 starb, wurde seine Mutter noch im Grundbuch als Besitzerin des Hauses eingetragen, nach ihrem Tod, vier Jahre später, ging es auf Karl Stengel über, der am 9. M ärz 1871 Luise Wenger geheiratet hatte. Deren ältester Sohn Karl wurde „ Eisenbahnmechaniker,“ laut Eintrag in der kirchlichen Chronik und verließ sein Heimatstädtchen, nachdem er die Maria Hermann vom Lindenplatz geheiratet hatte. Der zweitgeborene Sohn Jakob blieb daheim, heiratete die Anna Juhl, die noch bis zu ihrer Eheschließung bei ihrem Bruder in Herbolzheim wohnte, und übernahm am 4. Oktober 1912 den elterlichen Hof das „ Hans-Michel-Hus“. Eine jüngere Schwester gab es noch, Salome, die sich nach Baden-Baden verheiratete und dort am 31. Mai 1957 verstarb. Jakob und Anna hatten nur einen Sohn, Karl, einen sehr zurückhaltenden, stillen Jungen. Liebevoll umsorgten und schützten seine Eltern ihn, konnten aber nicht verhindern, dass er im zweiten Weltkrieg eingezogen wurde, nach Russland kam und dort am 30. November 1942 an Typhus starb. Vier Jahre später starb auch sein Vater Jakob und so ging das Anwesen 1947 an dessen Frau und Karls Mutter Anna Stengel. Als sie 1967 starb, vermachte sie das Haus einem Enkel ihres Schwagers Karl Stengel, der damals als Eisenbahnmechaniker im Lothringischen sein Glück gemacht hatte und 1961 in Karlsruhe gestorben war. Folke Stengel heißt er und wohnt in Büderich. (Wie Sie merken, sind wir nun in der Gegenwart!) Seine Schwester Doris hat einige Felder geerbt. Folke Stengel verkaufte das Haus 1968 an die Familie Schneider, von der - wie uns allen hinlänglich bekannt ist - der Heimatverein Medicus es im Oktober 1994 erworben hat. Ja, und als nun Doris Stengel sah, was mit dem Haus unter der Regie des Heimatvereins geschah, war sie von der Idee eines Heimatmuseums so angetan, daß sie dem Verein zwei ihrer Äcker überschrieb.

Nun möchte ich an den Anfang meiner Ausführungen zurückkommen. Auch wir sind jetzt wieder einmal in einer Zeit, in der es wirtschaftlich in unserem Ländel nicht so gut aussieht. Ja, und genau in dieser Zeit hat der Heimatverein mit seinem Vorsitzenden Ernst Decker das große Wagnis übernommen und sich zum Erwerb dieses Hauses entschlossen. Glauben Sie mir, es war kein Übermut, der diesen Vorsatz in die Tat umsetzte. Es war der feste Wille, gegen die allgemeine Zaghaftigkeit und das Jammern und das übliche „ Sich - nicht - trauen“ ein mutiges Zeichen zu setzen. Es war kein leichter Entschluss, denn dem Vorstand und seinen Mitarbeitern war wohl klar, welch ungeheures Ausmaß an Kosten und Arbeit auf alle zukommen würde, um das Ziel zu erreichen, das sie sich gesetzt hatten: Aus diesem alten Fachwerkhaus ein Glanzstück unseres Städtchens zu machen.

Dass wir schon ein großes Stück auf diesem Weg gegangen sind, war nur dank Ihrer aller Mithilfe und dank vieler Stunden unermüdlichen Einsatzes m öglich. An dieser Stelle möchte ich unserem ersten Vorsitzenden Ernst Decker unser aller Dank aussprechen. Er hat sich nicht nur vom Schreibtisch aus f ür dieses Projekt eingesetzt; allein dies wäre schon genug Arbeit. Aber er hat auch Samstag für Samstag selbst Hand angelegt und war meist der erste und er letzte auf den „Baustellen“ des Hans-Michel-Hus.

Schauen Sie sich um, überzeugen Sie sich selbst! Und noch einen Gedanken zum Schluss möchte ich Ihnen mitgeben: Überlegen Sie dabei einmal, beim Umschauen: ob wohl der mutige Erbauer Hans Michel vielleicht von „Wolke Sieben“ zu uns herunterguckt und mit seinem Entschluss von 1797 und dem, was der Heimatverein Medicus 1997 recht genau 200 Jahre später daraus gemacht hat, zufrieden ist ?

Elke Liedtke

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